Werkzeug Printversion aus: CUT 6/2003

Große Kleine
 

Panasonic bringt mit der neuen AG-DVX100 eine DV-Kamera, die professionellen Ansprüchen genügt.

 
Von Bahman Kormi 

Die Anwenderberichte aus den USA waren euphorisch und ich hatte mich gerade vom handlichen DV-Westentaschenformat verabschiedet. Ich suchte nach einer Kamera, die anspruchsvollen Aufgaben gewachsen ist und sich bedienen lässt – aber unterhalb der 5000 Euro Grenze.
Der folgende Testbericht ist das erste Ergebnis einer Arbeitsbeziehung. Mit Blick auf die wichtigsten Features. Ohne Überschwang, nüchtern und bei weitem nicht vollständig.
Die Kamera kommt in funktionalem Design und branchenüblichem Chic an. Meine Aversion gegen Plastikkameras wird erst bei Tuchfühlung gebändigt. Da sind solide Metallteile, gepaart mit hochwertigen Kunststoffteilen, die Schweißnaht des Objektivgehäuses mutet zwar seltsam an, dafür ist der Kameraboden eben und breit ausgelegt. Die Kamera macht einen robusten Eindruck. Alle Aus- und Eingänge sind abgedeckt. Der Sucher hat ein kleines Rändelrad zum Dioptrinausgleich. Die Halterung für ein externes Mikrofon ist leicht zu montieren. Das Handbuch der Kamera umfangreich, klar und deutlich gehalten. Der erste Eindruck ist gut.

Belichtung.
Das Haus Panasonic gibt bei 2000 lux eine Blende 11 an. Das entspricht einer Empfindlichkeit von 800 ASA. Für Messungen gegen Neutralgrau arbeitet die Kamera bei werkseitigen Voreinstellungen im Modus 50i ausgewogen. Die automatische Blende bietet 60 Prozent Bildsignalpegel an – plusminus 3 Prozent. Das entspricht der konventionellen Belichtung eines mitteleuropäischen Hauttones.
Ein außen angebrachter Schalter ruft die programmierbare Signalanhebung auf. Dieser von größeren Kameratypen bekannte kleine Hebel ist ein Muss. Die beiden Positionen Medium und High sind mit 0, +3, +6, +9 oder +12 dB zu belegen. Neben dem Shutter bietet die Kamera eine Synchro Scan Funktion für das Feintuning bei der Aufnahme von Monitoren zwischen 50,2 und 248 Hz.
Für die 25p Anwendungen wird die Empfindlichkeit auf rund 320 ASA herabgesetzt. Eine Signalverstärkung ist nicht möglich und ohnehin nicht anzuraten. Gegen Neutralgrau liefert die automatische Blende bei 1/50 Sekunden Verschlusszeit einen Signalpegel von 40 Prozent – plusminus zwei Prozent. Messtechnisch korrekt und praxisnah. Denn ein unverrauschtes Neutralgrau kann in der Postproduktion unter Wahrung der Details in den Lichtern auch als solches bewertet werden. Eine wichtige Voraussetzung für mögliche Einsätze dieser Kamera mit Kinooption.
Die optischen Filter beschränken sich auf die Neutraldichten 1/8 und 1/64, die um drei und sechs Blenden reduzieren.

Messung.
Für die Belichtungsmessung stehen zwei Tools zur Verfügung: Im Display kann ein Marker eingelesen werden, der das Bildzentrum rahmt und in einem Ausschnitt den Bildsignalpegel misst. Der Wert wird bis 90 Prozent angezeigt; ein wunderbarer digitaler Video-Spotmeter also. Zudem stehen zwei Zebras zur Verfügung, die sich zwischen 80 und 100 Prozent voreinstellen lassen. Ich hoffe, dass Panasonic den Umfang auf mindestens 60 Prozent erweitert. Die programmierbare Belegung der Auto-Taste mit der Blendenautomatik rundet das Instrumentarium ab.
Im 50i und 25p Betrieb können Gammavoreinstellungen abgerufen werden; low, normal und high, sowie das Cine-Like Gamma stehen zur Verfügung.

Farben und Formate.
Die Voreinstellungen für die Weißbalance werden elektronisch und nicht optisch verschoben; per Knopfdruck lassen sich innerhalb der Presets 3200K (Kunstlicht) oder 5600K (Tageslicht) vorwählen. Eine manuelle Weißbalance kann auf zwei Speicherplätzen abgelegt werden.
Im Menü der AG-DVX100 steht eine Matrix zur Verfügung. Die von größeren Systemen abgeleitete Position ist auf fixe Werte geschrumpft worden. Sie sind als Norm 1, Norm, 2, Fluo und Cine abrufbar und verändern das Bild hinsichtlich Farbart und Sättigung. Eine separate Feinbestimmung der Farbanteile ist über Chroma-Phase, Chroma-Level und Colour Temp möglich; alle von –7 bis +7 in 15 Schritten steuerbar. Mittels dieser Positionen lassen sich weitgehende Anpassungen an andere Kameratypen oder Drehbedingungen vornehmen. Ein wichtiges Moment im Mehrkamerabetrieb.
Leider fehlt ein integrierter Colormeter. Im Regelfall gilt es für die Beurteilung veränderter Einstellungen einen kalibrierten Monitor zu nutzen, gegebenenfalls die erzielten Pegel zu ermitteln und für Produktionen mit Kinooption – wie immer – den Dialog mit der Postproduktion zu führen. Denn grundsätzlich steht für DV ein verengter Farbraum zur Verfügung. Acht Bit Farbtiefe erzielen für RGB jeweils 219 Tonwerte. Rund 10,5 Millionen Farben kann der Chip der Kamera; die 4:2:0 Quantisierung dahinter verarbeitet allerdings lediglich ein Viertel der Farbinformation gegenüber 100 Prozent Licht.
Die 3 IT-CCD 1/3“-Sensoren mit 440.000 effektiven Bildpunkten liefern selbst bei 12 dB Verstärkung ein rauscharmes Bild. Das Menü der AG-DVX100 bietet differenzierte Detailfunktionen an: Unter anderem eine Minderung der vertikalen Konturenschärfe, die dem progressiven Scan und möglichem Film-Out entgegenkommt. Dazu hat sich Panasonic etwas einfallen lassen: Der Progressive Scan Modus schöpft die vertikale Auflösung voll aus. Eine zeitliche Segmentierung des Vollbildes in zwei nacheinander ausgelesene Halbbilder entfällt. Ein Vollbild mit echten 720x576 Pixeln wird ausgelesen! Das Signal gelangt dennoch in segmentierter Form aufs Band: zwei Halbbilder, deren Bildinhalte eben keinen zeitlichen Versatz haben, werden geschrieben und später in der Bildbearbeitung wie zwei Kämme ineinandergeschoben. Die volle Auflösung ist regeneriert. Eine 16:9 Variante ist im Letterbox-Verfahren gegeben.

Manueller Zugriff.
Wer’s mag: Die AG-DVX100 lässt sich vollautomatisch betreiben. Die Weißbalance Nachführung, der Autofocus, sowie die Blenden- und die automatische Verstärkungsautomatiken arbeiten selbst bei größtmöglicher Abneigung gegenüber solchen Betriebsarten einwandfrei und zuverlässig. Hervorzuheben ist die Auto Iris, die beinahe unbemerkte Blendenzüge steuert. Im 50i Modus können alle Automatik-Betriebsarten via Menü auf Tasten programmiert werden. So ruft die Auto Taste freigeschaltete Automatikfunktionen auf; User1 und User2 speichern grobe Profile und ermöglichen auf Knopfdruck ein Anlegen des Farbbalkens. Auto Focus, Auto Gain und Colour Bars stehen nur im 50i Modus zur Verfügung.
Selbstverständlich kann die Blende – DV üblich – mittels eines Rändelrades von Hand eingestellt werden. Die Werte werden in halben Schritten angezeigt, sind allerdings stufenlos regelbar.
Am hinteren Ende der Kamera findet sich ein Stellrad, das ganze Pakete voreingestellter Profile bereitstellt. Von F1 bis F6 liegen intelligent angelegte Menükonfigurationen, sogenannte Scene Files – ebenfalls geschrumpfte Features größerer Kameras. Diese Files decken die ganze Palette der Kamera ab und sind wohl abgestimmt auf verschiedene Anwendungsmöglichkeiten unter ebenso verschiedenen Bedingungen: Von Standard-Aufnahmen unter F1 über konturenverstärkte Presets auf F3 bis zu F6 mit Matrix- und Gammaverschiebungen. Alle Settings lassen sich wiederum ändern und speichern, so dass mit den Scene Files eine eigene Palette von Voreinstellungen abgelegt werden kann.
Optik und Kontrolle. Die AG-DVX100 schaut durch ein Leica Dicoma Objektiv (F 1.6; f = 4.5 bis 45 mm). Das Kleinbildäquivalent entspricht 32.5 bis 325 mm. Der Zoomring ist mechanisch nach außen geführt, mit einer groben Skalierung versehen und ordentlich mit Anschlägen und einem kleinen Hebel ausgestattet. Er lässt sich manuell fahren. Unangenehm bleibt das grobe Spiel und die mangelnde Friktion. Das lässt sich zwar über von Hand geführte Arbeitszooms abfangen, bleibt aber verbesserungswürdig.
Die Leica Optik hält die gestellte Schärfe über alle Brennweiten. Der Schärfenring ist nicht mechanisch verkoppelt und ohne Anschlag und Skalierung. Um genommene Schärfen reproduzierbar zu machen, hat Panasonic eine Anzeige auf das Display gelegt, die – in Marken zwischen Null und 99 – Schärfepunkte skaliert und wiederauffindbar macht. Das Verfahren wird auch für feinere Arbeiten mit dem Zoom angeboten. Ein gelungenes Feature. Zusätzlich ist der Schärfenring mit einem Zahnkranz ausgestattet und ermöglicht die Verwendung entsprechenden Zubehörs.
Die Schärfenkontrolle über den Farb-Viewfinder fällt erwartungsgemäß schlecht aus. Das üppige 3,5“-LC-Display mit 200.000 Bildpunkten hingegen ist leistungsstark, groß und feinfühlig steuerbar. Dank einer Mirror-Funktion lässt es sich „inside-out“ festsetzen und wie ein kleiner Assistentenmonitor einsehen – beispielsweise um Schärfenzüge visuell und über die eingelesenen Marken zu kontrollieren.

Voller Ton.
Die Tonausstattung der AG-DVX100 ist überdurchschnittlich gut, übersichtlich und präzise. Die Eingangssignale lassen sich mittels außen angebrachter Schalter auf Kanal 1 und/oder 2 legen. Auch die Phantomspeisung kann separat auf Kanal 1 oder 2 gelegt werden. Auf der rechten Kameraseite sind zwei XLR-Buchsen angebracht, die Line- und Mikrofoneingangspegel ebenfalls über abgesetzte Schalter vorwählen lassen.
Auch die Audioregler auf der linken Kameraseite unterstreichen die Verwandtschaftsbeziehung dieser kleinen Kamera zu ihren professionellen großen Schwestern. Der Audiopegelmesser via Sucher und LCD-Display zeigt weiße Kästchen bis –12 dB; sechs rote zu je 2 dB Schritten erlauben einen recht präzisen Umgang mit dem Headroom. Unser 1 kHz Testsignal lieferte bei Null dB Eingangspegel und Null dB Aussteuerung verzerrungsfreie Null dB vom Band. Die menüseitig zuschaltbare Automatik senkte den Aufnahmepegel auf –6 dB ab. Einziger Mangel: eine Abdeckung der Aussteuerungsregler fehlt.
Zu beachten ist: Der Aufnahmepegel wird über die Aussteuerungsregler auch bei zugeschalteter Automatik beeinflusst. Mein Tipp: Nutzten sie die Regler als Trim um ihren Primärton sicher zu machen.
Für guten O-Ton bietet die Kamera Features, die einen handwerklich einwandfreien Umgang mit dem digitalen Ton voraussetzen. Aber Vorsicht: das optionale externe Mikrofon AG-MC100G liegt weit unterhalb der Qualität der Kamerafeatures.

Das Handling.
Panasonic beschreibt die AG-DVX100 als die ultimative Handkamera – wohl ausbalanciert und leicht. Die Kamera wiegt 1.83 kg mit Akku und Kassette und misst 139 x 160 x 364 Millimeter. Alles in allem eine kompakte, eher schwere DV-Kamera. Ihr Schwerpunkt liegt sinnvoll beim Handgriff. Die Kameraführung bleibt aus der Hand in Augenhöhe dennoch schwierig, gerade wegen ihrer kompakten Bauart. Und dennoch hebt sie sich gegenüber anderen DV Camcordern aufgrund der gelungenen Features und ihrer externen Bedienelemente positiv ab. Als Stativkamera ist die AG-DVX100 noch besser. Zwei Gewinde bringen sie in Haltung.
Die AG-DVX100 generiert echten Timecode und Userbits, die sich voreinstellen lassen. Record Run und Free Run sind als Betriebsarten vorzuwählen. Damit ist die DV-Postproduktion eindeutig lesbar – auch für Formatwechsel. Ein wichtiges Kriterium beim Kauf einer elektronischen Kamera.
Mit der IEEE 1394 Synchro Lock Funktion kann die Kamera nicht nur auf einen Rechner Daten ausgeben, sondern auch – mit einem externen Laufwerk verbunden – ferngesteuert die Aufzeichnung zeitgleich sichern oder bei Bandende auf dem externen Gerät fortführen. Ein Feature, das das Anwendungsspektrum dieser Kamera erweitert.
Überhaupt sind die Rekorderfunktionen das Pendant zu den Kamerafeatures. Für den dünnen Geldbeutel ist die Kamera zusätzlich ein vollständiger DV-Rekorder – natürlich auf Kosten der Kopftrommel.
Außerdem schafft die neue Panasonic ein DV-Ärgernis ab: die Tape-protect Automatik, die die Kamera andauernd ausschaltet. Sie lässt sich im Menü schlicht abschalten! Die Kamera bleibt an und schaltet sich unter Wahrung aller Einstellungen in einen Standby-Modus; die Hochlaufzeit der Kopftrommel sind ausreichend kurz gehalten.

Zubehör.
Neben den leistungsstarken Akkus CGP-D28s und höher ergänzt Panasonic den optischen Teil durch den Weitwinkelkonverter AG-LW7208G mit dem Faktor 0,8x. Wie bereits erwähnt ist eine 16:9 Konverterlinse AG-LA7200G erhältlich, die den Bildwinkel eingangsseitig vergrößert und ausgangsseitig anamorphotisch komprimiert. Die Konverterlinse erlaubt echtes, voll aufgelöstes 16:9 und sollte für die 25p Produktion nicht fehlen. Nachteil: das LCD kann das anamorphotische Bild nicht entzerren.
Die Firma Chrosziel hat für die normale Anwendung ein passendes 3x3 Kompendium anzubieten; die 4x4 Variante – passend zum Anamorphoten – ist ebenfalls erhältlich. Das große Kompendium muss allerdings aus Gewichtsgründen über eine Leichtstütze montiert werden.
Die Firma Bebop hat den ZOE-CVX Zoomgriff im Verkauf. Sicher eine passende Ergänzung für die Event-Videographie, den Einsatz im Aktuellen oder für Krandrehs. Bebop bietet neben der Chrosziel übrigens auch eine Leichtstütze an.

Fazit.
Panasonics AG-DVX100 ist eine äußerst gelungene, kompakte DV Kamera. Sie bietet optimierte, professionelle Tools, die sie zur optimalen A-Kamera in der monitorbasierten DV-Produktion und zur idealen Zweitkamera für hochwertige Produktionen werden lässt – für manche sicherlich bis zur Kinoreife. Letzteres sollte hinsichtlich Konzept und Produktionskette wohl bedacht und sauber ausgetestet sein.
Hinter der Kamera steckt eine gute Idee: reduzierte Funktionen größerer Kameratypen aus Broadcasting und Digital Cinema, komfortable Oberflächen, die solche Funktionen abrufen und die klare Orientierung auf einen breiten Markt mit verschiedenen Profilen. Alles in allem ein geglückter Auftritt.