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Die
Anwenderberichte aus den USA waren euphorisch und ich hatte
mich gerade vom handlichen DV-Westentaschenformat
verabschiedet. Ich suchte nach einer Kamera, die
anspruchsvollen Aufgaben gewachsen ist und sich bedienen lässt
– aber unterhalb der 5000 Euro Grenze. Der folgende
Testbericht ist das erste Ergebnis einer Arbeitsbeziehung. Mit
Blick auf die wichtigsten Features. Ohne Überschwang, nüchtern
und bei weitem nicht vollständig. Die Kamera kommt in
funktionalem Design und branchenüblichem Chic an. Meine
Aversion gegen Plastikkameras wird erst bei Tuchfühlung
gebändigt. Da sind solide Metallteile, gepaart mit
hochwertigen Kunststoffteilen, die Schweißnaht des
Objektivgehäuses mutet zwar seltsam an, dafür ist der
Kameraboden eben und breit ausgelegt. Die Kamera macht einen
robusten Eindruck. Alle Aus- und Eingänge sind abgedeckt. Der
Sucher hat ein kleines Rändelrad zum Dioptrinausgleich. Die
Halterung für ein externes Mikrofon ist leicht zu montieren.
Das Handbuch der Kamera umfangreich, klar und deutlich
gehalten. Der erste Eindruck ist gut.
Belichtung.
Das Haus Panasonic gibt bei 2000 lux eine Blende 11 an.
Das entspricht einer Empfindlichkeit von 800 ASA. Für
Messungen gegen Neutralgrau arbeitet die Kamera bei
werkseitigen Voreinstellungen im Modus 50i ausgewogen. Die
automatische Blende bietet 60 Prozent Bildsignalpegel an –
plusminus 3 Prozent. Das entspricht der konventionellen
Belichtung eines mitteleuropäischen Hauttones. Ein außen
angebrachter Schalter ruft die programmierbare Signalanhebung
auf. Dieser von größeren Kameratypen bekannte kleine Hebel ist
ein Muss. Die beiden Positionen Medium und High sind mit 0,
+3, +6, +9 oder +12 dB zu belegen. Neben dem Shutter bietet
die Kamera eine Synchro Scan Funktion für das Feintuning bei
der Aufnahme von Monitoren zwischen 50,2 und 248 Hz. Für
die 25p Anwendungen wird die Empfindlichkeit auf rund 320 ASA
herabgesetzt. Eine Signalverstärkung ist nicht möglich und
ohnehin nicht anzuraten. Gegen Neutralgrau liefert die
automatische Blende bei 1/50 Sekunden Verschlusszeit einen
Signalpegel von 40 Prozent – plusminus zwei Prozent.
Messtechnisch korrekt und praxisnah. Denn ein unverrauschtes
Neutralgrau kann in der Postproduktion unter Wahrung der
Details in den Lichtern auch als solches bewertet werden. Eine
wichtige Voraussetzung für mögliche Einsätze dieser Kamera mit
Kinooption. Die optischen Filter beschränken sich auf die
Neutraldichten 1/8 und 1/64, die um drei und sechs Blenden
reduzieren.
Messung. Für die Belichtungsmessung
stehen zwei Tools zur Verfügung: Im Display kann ein Marker
eingelesen werden, der das Bildzentrum rahmt und in einem
Ausschnitt den Bildsignalpegel misst. Der Wert wird bis 90
Prozent angezeigt; ein wunderbarer digitaler Video-Spotmeter
also. Zudem stehen zwei Zebras zur Verfügung, die sich
zwischen 80 und 100 Prozent voreinstellen lassen. Ich hoffe,
dass Panasonic den Umfang auf mindestens 60 Prozent erweitert.
Die programmierbare Belegung der Auto-Taste mit der
Blendenautomatik rundet das Instrumentarium ab. Im 50i und
25p Betrieb können Gammavoreinstellungen abgerufen werden;
low, normal und high, sowie das Cine-Like Gamma stehen zur
Verfügung.
Farben und Formate. Die
Voreinstellungen für die Weißbalance werden elektronisch und
nicht optisch verschoben; per Knopfdruck lassen sich innerhalb
der Presets 3200K (Kunstlicht) oder 5600K (Tageslicht)
vorwählen. Eine manuelle Weißbalance kann auf zwei
Speicherplätzen abgelegt werden. Im Menü der AG-DVX100
steht eine Matrix zur Verfügung. Die von größeren Systemen
abgeleitete Position ist auf fixe Werte geschrumpft worden.
Sie sind als Norm 1, Norm, 2, Fluo und Cine abrufbar und
verändern das Bild hinsichtlich Farbart und Sättigung. Eine
separate Feinbestimmung der Farbanteile ist über Chroma-Phase,
Chroma-Level und Colour Temp möglich; alle von –7 bis +7 in 15
Schritten steuerbar. Mittels dieser Positionen lassen sich
weitgehende Anpassungen an andere Kameratypen oder
Drehbedingungen vornehmen. Ein wichtiges Moment im
Mehrkamerabetrieb. Leider fehlt ein integrierter
Colormeter. Im Regelfall gilt es für die Beurteilung
veränderter Einstellungen einen kalibrierten Monitor zu
nutzen, gegebenenfalls die erzielten Pegel zu ermitteln und
für Produktionen mit Kinooption – wie immer – den Dialog mit
der Postproduktion zu führen. Denn grundsätzlich steht für DV
ein verengter Farbraum zur Verfügung. Acht Bit Farbtiefe
erzielen für RGB jeweils 219 Tonwerte. Rund 10,5 Millionen
Farben kann der Chip der Kamera; die 4:2:0 Quantisierung
dahinter verarbeitet allerdings lediglich ein Viertel der
Farbinformation gegenüber 100 Prozent Licht. Die 3 IT-CCD
1/3“-Sensoren mit 440.000 effektiven Bildpunkten liefern
selbst bei 12 dB Verstärkung ein rauscharmes Bild. Das Menü
der AG-DVX100 bietet differenzierte Detailfunktionen an: Unter
anderem eine Minderung der vertikalen Konturenschärfe, die dem
progressiven Scan und möglichem Film-Out entgegenkommt. Dazu
hat sich Panasonic etwas einfallen lassen: Der Progressive
Scan Modus schöpft die vertikale Auflösung voll aus. Eine
zeitliche Segmentierung des Vollbildes in zwei nacheinander
ausgelesene Halbbilder entfällt. Ein Vollbild mit echten
720x576 Pixeln wird ausgelesen! Das Signal gelangt dennoch in
segmentierter Form aufs Band: zwei Halbbilder, deren
Bildinhalte eben keinen zeitlichen Versatz haben, werden
geschrieben und später in der Bildbearbeitung wie zwei Kämme
ineinandergeschoben. Die volle Auflösung ist regeneriert. Eine
16:9 Variante ist im Letterbox-Verfahren gegeben.
Manueller Zugriff. Wer’s mag: Die AG-DVX100 lässt
sich vollautomatisch betreiben. Die Weißbalance Nachführung,
der Autofocus, sowie die Blenden- und die automatische
Verstärkungsautomatiken arbeiten selbst bei größtmöglicher
Abneigung gegenüber solchen Betriebsarten einwandfrei und
zuverlässig. Hervorzuheben ist die Auto Iris, die beinahe
unbemerkte Blendenzüge steuert. Im 50i Modus können alle
Automatik-Betriebsarten via Menü auf Tasten programmiert
werden. So ruft die Auto Taste freigeschaltete
Automatikfunktionen auf; User1 und User2 speichern grobe
Profile und ermöglichen auf Knopfdruck ein Anlegen des
Farbbalkens. Auto Focus, Auto Gain und Colour Bars stehen nur
im 50i Modus zur Verfügung. Selbstverständlich kann die
Blende – DV üblich – mittels eines Rändelrades von Hand
eingestellt werden. Die Werte werden in halben Schritten
angezeigt, sind allerdings stufenlos regelbar. Am hinteren
Ende der Kamera findet sich ein Stellrad, das ganze Pakete
voreingestellter Profile bereitstellt. Von F1 bis F6 liegen
intelligent angelegte Menükonfigurationen, sogenannte Scene
Files – ebenfalls geschrumpfte Features größerer Kameras.
Diese Files decken die ganze Palette der Kamera ab und sind
wohl abgestimmt auf verschiedene Anwendungsmöglichkeiten unter
ebenso verschiedenen Bedingungen: Von Standard-Aufnahmen unter
F1 über konturenverstärkte Presets auf F3 bis zu F6 mit
Matrix- und Gammaverschiebungen. Alle Settings lassen sich
wiederum ändern und speichern, so dass mit den Scene Files
eine eigene Palette von Voreinstellungen abgelegt werden kann.
Optik und Kontrolle. Die AG-DVX100 schaut durch ein Leica
Dicoma Objektiv (F 1.6; f = 4.5 bis 45 mm). Das
Kleinbildäquivalent entspricht 32.5 bis 325 mm. Der Zoomring
ist mechanisch nach außen geführt, mit einer groben Skalierung
versehen und ordentlich mit Anschlägen und einem kleinen Hebel
ausgestattet. Er lässt sich manuell fahren. Unangenehm bleibt
das grobe Spiel und die mangelnde Friktion. Das lässt sich
zwar über von Hand geführte Arbeitszooms abfangen, bleibt aber
verbesserungswürdig. Die Leica Optik hält die gestellte
Schärfe über alle Brennweiten. Der Schärfenring ist nicht
mechanisch verkoppelt und ohne Anschlag und Skalierung. Um
genommene Schärfen reproduzierbar zu machen, hat Panasonic
eine Anzeige auf das Display gelegt, die – in Marken zwischen
Null und 99 – Schärfepunkte skaliert und wiederauffindbar
macht. Das Verfahren wird auch für feinere Arbeiten mit dem
Zoom angeboten. Ein gelungenes Feature. Zusätzlich ist der
Schärfenring mit einem Zahnkranz ausgestattet und ermöglicht
die Verwendung entsprechenden Zubehörs. Die
Schärfenkontrolle über den Farb-Viewfinder fällt
erwartungsgemäß schlecht aus. Das üppige 3,5“-LC-Display mit
200.000 Bildpunkten hingegen ist leistungsstark, groß und
feinfühlig steuerbar. Dank einer Mirror-Funktion lässt es sich
„inside-out“ festsetzen und wie ein kleiner Assistentenmonitor
einsehen – beispielsweise um Schärfenzüge visuell und über die
eingelesenen Marken zu kontrollieren.
Voller Ton.
Die Tonausstattung der AG-DVX100 ist überdurchschnittlich
gut, übersichtlich und präzise. Die Eingangssignale lassen
sich mittels außen angebrachter Schalter auf Kanal 1 und/oder
2 legen. Auch die Phantomspeisung kann separat auf Kanal 1
oder 2 gelegt werden. Auf der rechten Kameraseite sind zwei
XLR-Buchsen angebracht, die Line- und Mikrofoneingangspegel
ebenfalls über abgesetzte Schalter vorwählen lassen. Auch
die Audioregler auf der linken Kameraseite unterstreichen die
Verwandtschaftsbeziehung dieser kleinen Kamera zu ihren
professionellen großen Schwestern. Der Audiopegelmesser via
Sucher und LCD-Display zeigt weiße Kästchen bis –12 dB; sechs
rote zu je 2 dB Schritten erlauben einen recht präzisen Umgang
mit dem Headroom. Unser 1 kHz Testsignal lieferte bei Null dB
Eingangspegel und Null dB Aussteuerung verzerrungsfreie Null
dB vom Band. Die menüseitig zuschaltbare Automatik senkte den
Aufnahmepegel auf –6 dB ab. Einziger Mangel: eine Abdeckung
der Aussteuerungsregler fehlt. Zu beachten ist: Der
Aufnahmepegel wird über die Aussteuerungsregler auch bei
zugeschalteter Automatik beeinflusst. Mein Tipp: Nutzten sie
die Regler als Trim um ihren Primärton sicher zu machen.
Für guten O-Ton bietet die Kamera Features, die einen
handwerklich einwandfreien Umgang mit dem digitalen Ton
voraussetzen. Aber Vorsicht: das optionale externe Mikrofon
AG-MC100G liegt weit unterhalb der Qualität der
Kamerafeatures.
Das Handling. Panasonic beschreibt
die AG-DVX100 als die ultimative Handkamera – wohl
ausbalanciert und leicht. Die Kamera wiegt 1.83 kg mit Akku
und Kassette und misst 139 x 160 x 364 Millimeter. Alles in
allem eine kompakte, eher schwere DV-Kamera. Ihr Schwerpunkt
liegt sinnvoll beim Handgriff. Die Kameraführung bleibt aus
der Hand in Augenhöhe dennoch schwierig, gerade wegen ihrer
kompakten Bauart. Und dennoch hebt sie sich gegenüber anderen
DV Camcordern aufgrund der gelungenen Features und ihrer
externen Bedienelemente positiv ab. Als Stativkamera ist die
AG-DVX100 noch besser. Zwei Gewinde bringen sie in Haltung.
Die AG-DVX100 generiert echten Timecode und Userbits, die
sich voreinstellen lassen. Record Run und Free Run sind als
Betriebsarten vorzuwählen. Damit ist die DV-Postproduktion
eindeutig lesbar – auch für Formatwechsel. Ein wichtiges
Kriterium beim Kauf einer elektronischen Kamera. Mit der
IEEE 1394 Synchro Lock Funktion kann die Kamera nicht nur auf
einen Rechner Daten ausgeben, sondern auch – mit einem
externen Laufwerk verbunden – ferngesteuert die Aufzeichnung
zeitgleich sichern oder bei Bandende auf dem externen Gerät
fortführen. Ein Feature, das das Anwendungsspektrum dieser
Kamera erweitert. Überhaupt sind die Rekorderfunktionen
das Pendant zu den Kamerafeatures. Für den dünnen Geldbeutel
ist die Kamera zusätzlich ein vollständiger DV-Rekorder –
natürlich auf Kosten der Kopftrommel. Außerdem schafft die
neue Panasonic ein DV-Ärgernis ab: die Tape-protect Automatik,
die die Kamera andauernd ausschaltet. Sie lässt sich im Menü
schlicht abschalten! Die Kamera bleibt an und schaltet sich
unter Wahrung aller Einstellungen in einen Standby-Modus; die
Hochlaufzeit der Kopftrommel sind ausreichend kurz gehalten.
Zubehör. Neben den leistungsstarken Akkus CGP-D28s
und höher ergänzt Panasonic den optischen Teil durch den
Weitwinkelkonverter AG-LW7208G mit dem Faktor 0,8x. Wie
bereits erwähnt ist eine 16:9 Konverterlinse AG-LA7200G
erhältlich, die den Bildwinkel eingangsseitig vergrößert und
ausgangsseitig anamorphotisch komprimiert. Die Konverterlinse
erlaubt echtes, voll aufgelöstes 16:9 und sollte für die 25p
Produktion nicht fehlen. Nachteil: das LCD kann das
anamorphotische Bild nicht entzerren. Die Firma Chrosziel
hat für die normale Anwendung ein passendes 3x3 Kompendium
anzubieten; die 4x4 Variante – passend zum Anamorphoten – ist
ebenfalls erhältlich. Das große Kompendium muss allerdings aus
Gewichtsgründen über eine Leichtstütze montiert werden.
Die Firma Bebop hat den ZOE-CVX Zoomgriff im Verkauf.
Sicher eine passende Ergänzung für die Event-Videographie, den
Einsatz im Aktuellen oder für Krandrehs. Bebop bietet neben
der Chrosziel übrigens auch eine Leichtstütze an.
Fazit. Panasonics AG-DVX100 ist eine äußerst
gelungene, kompakte DV Kamera. Sie bietet optimierte,
professionelle Tools, die sie zur optimalen A-Kamera in der
monitorbasierten DV-Produktion und zur idealen Zweitkamera für
hochwertige Produktionen werden lässt – für manche sicherlich
bis zur Kinoreife. Letzteres sollte hinsichtlich Konzept und
Produktionskette wohl bedacht und sauber ausgetestet sein.
Hinter der Kamera steckt eine gute Idee: reduzierte
Funktionen größerer Kameratypen aus Broadcasting und Digital
Cinema, komfortable Oberflächen, die solche Funktionen abrufen
und die klare Orientierung auf einen breiten Markt mit
verschiedenen Profilen. Alles in allem ein geglückter
Auftritt.
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